Hanaffan

Jugendzeit

Schon als Kind bin ich viel umgezogen und musste die Schule öfter als normal wechseln. So habe ich auch schon früh gelernt, mich an unbekannte Umgebungen anzupassen und neue Freunde zu finden. Der einfachste Weg um Menschen kennen zu lernen und akzeptiert zu werden ist der Lauteste auf jeder Party zu sein, bis zum Schluss zu bleiben und das letzte Bier zu trinken. Auf diese Weise kann man sehr schnell sehr viele Freunde machen, aber oft wird das nicht viel mehr als nur eine oberflächliche Freundschaft, auf die du dich nicht wirklich verlassen kannst. Aber ja, ich habe von dieser Weise sehr oft Gebrauch gemacht und war sehr bekannt in dem Gebiet in dem ich damals umhergezogen bin. Ich habe soviel Gebrauch von dieser Art der Sozialisation gemacht, dass ich mit 21 aufgehört habe zu trinken, da ich merkte, dass es mich immer aggressiver werden ließ und mein Leben auf negative Weise beeinflusste.
Eine andere, vielversprechendere Art Freunde zu finden, wenn man in eine neue Umgebung kommt, ist sich an die Menschen zu halten, die scheinbar in keine Gruppe rein passen. Auf diese Art konnte ich immer sehr interessante Menschen kennen lernen. Beide Arten haben es mir ermöglicht sehr viele Menschen kennen zu lernen und von vielen gekannt zu werden. Aber sobald man einmal seinen Ort des Ruhms verlässt, erkennt man dann auf wie viele Menschen man sich wirklich verlassen kann. Besonders wenn du wie ich damals kein Telephon benutzt und gleichzeitig alle Formen der Sozialen Medien vertäufelst.
Das kam bei mir nicht von ungefähr. Mit 20 habe ich mein Auto verkauft, da ich zwei Unfälle hatte und meine ganze Freizeit aufbringen musste, um Geld für mein Auto, das keine wirkliche Notwendigkeit darstellte, anzuschaffen. Ich hab aufgehört mein Handy zu benutzen, nachdem mir die Firma bei der ich den Vertrag hatte, diesen ohne mich zu fragen einfach um ein Jahr verlängert hat. Ich habe aufgehört Fern zu schauen, nachdem mir klar wurde, wie viel Zeit ich doch verloren habe, nur weil ich die Simpsons geguckt habe. Glücklicher Weise tat ich all das im rechten Moment und war so immer noch gut in der Lage, mein Abitur mittelprächtig zu absolvieren.
Insgesamt habe ich mich damals sehr vielen Dingen verwehrt, die doch so normal sind in unserer Gesellschaft. Der Grund ist, dass all das Umherziehen mir klar gemacht hat, wie ähnlich sich die Menschen doch auch in unterschiedlichen Gegenden sind. Und irgendwie gefiel mir nicht, wie die Dinge so in Deutschland liefen. All dieser Konsum und der Wettlauf um Konsum machte mich krank.
Ich hab mich dann etwas besser gefühlt, als ich meinen Zivildienst leisten musste, bei dem ich mit einer Gruppe unglaublich netter Menschen zusammen gearbeitet habe. Ich musste mich um Menschen mit Altersdemenz in fortgeschrittenem Stadium kümmern. Es war harte Arbeit: Saubermachen, Füttern, Kleiden, diese alten Leute, die sich wie kleine Kinder verhielten. Es war sicherlich nicht einfach, aber jetzt bin ich mehr als glücklich diese Erfahrung gemacht zu haben, die mein soziales Bewusstsein deutlich gesteigert hat. In einer Gesellschaft, in der wie alle so eng zusammen leben, sollte man eigentlich davon ausgehen, dass ein sozialer Dienst obligatorisch wäre um das soziale Bewusstsein zu steigern. Statt Menschen dazu zu zwingen, zu lernen, wie sie eine Waffe zu bedienen haben, sollten sie erst einmal in der Lage sein sich umeinander zu kümmern ohne sich zu ekeln.
Auch wenn das eine sehr gute Erfahrung war, so konnte sie doch nicht meine Meinung von der Gesellschaft verändern, die ich bis dahin geformt hatte.
Deshalb habe ich beschlossen, das Leben auf eine Weise zu erfahren, die sich komplett von dem unterscheiden sollte, was ich bis dahin kannte. Jung und leichtgläubig wie ich damals war, habe ich mich der erst besten Möglichkeit hingegeben, die sich mir bot, diesen Traum zu verwirklichen, obwohl ich nicht einen Euro in der Tasche hatte. Also nahm ich noch bevor ich zur Universität ging an einem 15-monatigem Kurs teil, der mir von einem Kollege in England angeboten wurde, das Teil des Humana Imperiums ist, einer Organisation, die niemand kennt, die aber dennoch überall gegenwärtig ist. Jeder der vorhaben sollte, sich diesem Kollege anzuschließen sei gewarnt dass du dieser Organisation nicht vertrauen kannst und dass sie dich sehr viel Leiden lassen werden. Aber das Gute daran ist, dass du viele Freunde von der ganzen Welt kennen lernen wirst und mit ihnen zusammen leiden wirst, was eure Freundschaft weiter vertiefen wird. Von den wenigen Menschen, die ich heute selbstbewusst in den Kreis meiner besten Freunde einschließe, habe ich einen auch in dieser Organisation kennen gelernt und jedes Mal, wenn wir uns sehen, kommt es an irgend einem Punkt dazu, dass wir über die verrückten Erfahrungen reden, die wir in dem parallel Universum dieser Organisation durchlebt haben.

Bilibiza

Von all den möglichen Optionen die mir dort geboten wurden, habe ich mich für den abgelegensten entschieden und so wurde Bilibiza Teil meines Lebens. Ich habe dort die lokalen Bauern darüber belehren sollen, wie sie ihre Felder zu bestellen haben. Ein Projekt, dass zum scheitern verurteilt war, so wie viele andere Entwicklungsprojekte in ganz Afrika. So lange du nicht ihre Sprache sprichst (ihre Sprache und nicht die offizielle kolonial Sprache) und in ihrem Land für eine gewisse Zeit gelebt hast, werden sie niemals wirklich zuhören, was du ihnen zu sagen hast. Stattdessen warten sie nur darauf, dass du ihnen etwas für umsonst mitgibst.
Wie auch immer, mein Ziel war es ein anderes Leben am eigenen Körper zu erfahren und das ist es was ich gemacht habe. Ich habe ein paar sehr gute Freunde in diesem Dorf gewonnen und war in der Lage mit einem Freund zusammen im Dorf zu leben, statt mit der Organisation. Der große Unterschied für mich war, dass ich mich zum ersten mal fast komplett bewusst gefühlt habe. Ich war mir zu fast 100% der Einflüsse bewusst, die meine Umwelt dort auf mich hatte und zu gleich kannte ich auch fast alle Einflüsse, die ich auf meine Umwelt hatte. Alles Essen kam von den Feldern in der Umgebung, die Häuser wurden aus den Materialien gebaut, die es in der Umgebung gab, kein Strom, kein fließend Wasser. Wenn du etwas brauchst, dann bekommst du es direkt vom Ursprung. Wenn du Müll produzierst, dann musst du selber sehen, wie du den wieder los wirst. Es war das erst mal, das ich mich verantwortlich für mein Leben gefühlt habe, denn endlich verstand ich es. Es war eine absolut bewusstseinserweiternde Erfahrung und seitdem fühl ich eine tiefe Schuld gegenüber meinen Freunden in Bilibiza, die mir diese Erfahrung ermöglichten.
In dieses Dorf zu ziehen war ehrlich gesagt kein wirklicher Schock für mich. Der wirkliche Schock kam, als ich wieder zurück nach Deutschland kam. Da habe ich die Kontrolle über mein Leben wieder verloren. Einfach nur eine Flasche Wasser im Supermarkt zu kaufen war absolut unverantwortlich, da ich keine Ahnung habe wie die Flasche hergestellt wurde, wo das Wasser herkommt, welchen Einfluss die Abgase des Lasters, der das Wasser zum Supermarkt gebracht hat, auf unsere Umwelt haben…. Ein einfacher Blick auf die allgegenwärtige Reklame machte mich krank. Wie kann ich noch ernsthaft behaupten, dass ich etwas will, wenn mir doch überall gesagt wird, was ich zu wollen habe. Selbst wenn ich mich der Reklame verweigere, so werde ich dennoch von ihr beeinflusst. In Bilibiza fühlte ich mich so sicher darüber wer oder was ich bin, doch zurück in Deutschland konnte ich weder sagen warum ich etwas tue noch konnte ich sagen welchen Einfluss mein Handeln auf meine Umgebung hat. Hier ist man nur eine Puppe, was nicht so schlimm ist, so lang man sich dem nicht bewusst ist.

Universität

Mit dieser Gedankenausrichtung kam ich dann zur Universität und hab dort Philosophie und Kulturanthropology studiert. Natürlich hat mich das nur noch mehr radikalisiert. Jetzt habe ich nicht nur unnötige Elektronik und den Gebrauch sozialer Medien verweigert, nein, ich habe auch den Konsum von Produkten aus anderen Ländern, als dem in dem ich bin, verweigert. Außerdem würde ich nur Fleisch essen, wenn ich das lebende Tier zuvor gesehen habe und Fliegen innerhalb eines Kontinents war für mich Tabu. Wenn es wirklich nötig war zu fliegen, dann nur interkontinental und wenn der Aufenthalt für länger als einen Monat geplant war. Und dann habe ich auch Photos für eine unwürdige Form angesehen, den Moment festzuhalten und habe es nicht gestattet, dass irgendwer Photos von mir machte. Aus diesem Grund gibt es auch keine Photos von mir aus dieser Zeit meines Lebens.
Während des Semesters habe ich den Großteil meiner Zeit fürs Studieren und Arbeiten aufgebracht, ohne mich wirklich anderweitig ablenken zu lassen. So war es mir möglich, die Semesterferien dazu zu nutzen weiter die Welt zu bereisen und irgend einen Sinn in ihr zu entdecken. So habe ich meine Freunde in Afrika nochmal besucht, ein Auslandsjahr in Spanien verbracht, des Weiteren bin ich durch ganz Europa getrampt, von Deutschland nach Spanien mehrere Male und dann auch noch zwei Monate in Brasilien. Jedes Mal auf Reisen trug ich so wenig wie möglich bei mir, da materieller Besitz lediglich unnötige Sorgen beim Reisen bedeuteten.
Man kann sagen, dass ich ziemlich verloren war, auf der Suche nach Antworten, auf der Suche nach einem Weg diese Welt vielleicht verändern zu können.
Philosophie gab mir zu Beginn ein wenig Hoffnung. Aber letzten Endes war alles was sie mich lehrte, dass jede Antwort hinterfragt werden kann und das so was wie die absolute Wahrheit nichts weiter als ein Übereinkommen zwischen uns Menschen ist, soll sagen, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Philosophen wurden berühmt, da sie es geschafft haben den Zeitgeist ihrer Generation sorgfältig ausgearbeitet auf Papier zu bringen. Es ist nicht das Buch, das die Welt verändert, es ist die Welt, die ihren Wandel in einem Buch ausdrückt. Das war eine schwer zu akzeptierende Einsicht, aber es gibt keine Weltveränderung dadurch, dass man ein ausgeklügeltes Philosophisches Werk verfasst.
Keine Objektive Wahrheit? Kein unbezweifelbares Gut und Böse? Das wäre dann wohl der Punkt, an dem viele Menschen religiös werden, aber wenn du so daran gewöhnt bist, Fragen zu stellen und Antworten zu finden, dann ist Religion keine Lösung. Denn Religion erwartet von dir, dass du aufhörst Fragen zu stellen. ich musste weiter damit leben und weiter suchen. Die nächste Hoffnung auf eine Antwort war eine andere soziale Ordnung, die mir hoffentlich ein paar positive Eindrücke verleihen kann, und so ging es dann nach Venezuela.

Venezuela

Ich bin damals nach Venezuela, um zu sehen, wie das Leben dort unter Chavez so war, der zu der Zeit noch am leben war. Ich hoffte, dass was auch immer sich Sozialismus nannte eine Alternative zum Kapitalismus darstellen könnte, in dem ich aufgewachsen war. Aber auch wenn es durchaus viele soziale Erfolge zu beobachten gab, die die Gleichstellung innerhalb der Gesellschaft verbesserten, wie zum Beispiel das allgemeine Bildungsniveau, so war die Situation damals schon sehr instabil. Wie konnte ich auch so naiv sein zu glauben, dass eine wirklich sozialistische Gesellschaft in einer Welt existieren könnte, die vom Prinzip des ökonomischen Wachstum angetrieben wird??
Auch wenn Venezuela mir nicht die Antwort geben konnte, die ich mir erhofft hatte, so sollte dieser Besuch doch eine tiefe Veränderung meines Lebens hervorrufen. Allein die Tatsache, dass ich hier in gewisser Weise zugestimmt habe, Photos von mir machen zu lassen, zeigt deutlich, dass sich etwas veränderte in mir.Ich habe Hudie kennen gelernt. In diesem Moment fühlte ich mich einfach nur so gut und befreit durch sie, dass ich darüber vergaß weiter über den Sozialismus nach zu forschen. Ich habe sie mich einfach führen lassen und so gelernt ihr Land zu lieben. Ich war in diesem Moment sicherlich schon verliebt in sie, aber ich sah Liebe nicht als etwas langwieriges und empfand es nur als ein Gefühl, das man genießen sollte, solange es vorhanden ist. Ich war immer noch zu versunken in meinen Gedanken, dass ich nicht im Geringsten daran dachte meine Suche aufzugeben und mich nieder zulassen. Aber von diesem Moment an konnte ich sie nicht mehr aus meinem Kopf bekommen, auch wenn ich meinem eigenen Weg treu geblieben bin, der zu der Zeit schon fest geplant war.

China

In dieser ganzen Suche nach Antworten auf der Welt war China schon seit langer Zeit auf meiner Liste. Eigentlich wollte ich sogar Sinnologie studieren statt Philosophie, aber auf Grund von zeitlichen Problemen war es dann doch Philosophie. Und auch wenn Hudie mich diese Schmetterlinge in meinem Bauch fühlen lassen hat, so ging ich doch nach China. Anfangs hatte ich sowieso nur vor, dort für ein halbes Jahr zu bleiben, nachdem ich meine Kurse in der Uni abgeschlossen hatte und bevor ich mit den Prüfungen beginnen würde. Aber dann nach einem halben Jahr, stellte ich fest, dass selbst obwohl ich jeden Tag den ganzen Tag in der Bücherei gesessen habe und mir diese Schriftzeichen in den Kopf gehämmert habe, das nicht genug war. Ich hab lediglich abends etwas Englisch unterrichtet um irgendwie existieren zu können. Aber trotzdem fühlte ich mich als ob ich kaum was gelernt hatte. also blieb ich ein Jahr. Aber selbst das war noch nicht genug um ein Buch lesen zu können, und das war das Level das ich erreichen wollte, um selbstständig weiter lernen zu können, auch wenn ich nicht in China war. Denn ohne lesen zu können, würde ich alles wieder vergessen, wenn ich China verlassen würde. Und dann war auch ein Jahr nicht genug und es wurden zwei.

Zu dieser Zeit hatte ich also mein Studium bereits für zwei Jahre unterbrochen und dachte schon, dass ich so ein blödes Papier doch gar nicht nötig hätte. Aber dann, um wieder nach China zu können, um dort zu arbeiten, musste ich feststellen, dass das ohne Abschluss nicht funktioniert. Und so arbeitete ich erst aufm Bau für ein paar Monate, um genug Geld zu machen, um mein Leben für ein weiteres Jahr in der Uni finanzieren zu können. Und ja, ich habe es geschafft mein Studium abzuschließen, obwohl ich aus dem Universitätsbetrieb für zwei Jahre ausgeschlossen war.
In dieser Zeit machte Hudie auch klar, dass wir aufhören müssten uns etwas vor zumachen und entweder uns auf eine ernsthafte Beziehung einlassen oder uns nicht mehr sehen. Und da ich mir hier bereits nicht mehr vorstellen konnte ohne sie zu leben, wird hier auch unsere Geschichte endlich ernst.

Schlussfolgerung

Nachdem ich so viel unternommen habe um zu versuchen, diese Welt zu verstehen, musste ich akzeptieren, dass ich diese Welt nicht zu einem Wandel zwingen kann, sondern dass ich diese Welt zuerst akzeptieren muss, wie sie ist. Wenn ich mich gegen die ganze Welt, so wie sie ist ausspreche, dann wird auch die Welt nie bereit sein mir zuzuhören. Und selbst dann, da es keine objektive Wahrheit gibt, ist es unmöglich Menschen mit fundamentalen Glaubenseinstellungen mit Reden und Diskussionen zu überzeugen. Meist werden Menschen einfach nur aggressiv wenn man vernünftige Argumente gegen ihre fundamentalen Vorstellungen vorbringt.
Ich halte mich immer noch an viele Prinzipien, die ich geformt habe, als ich jung war, doch ich bin etwas flexibler und weniger radikal geworden. Ich habe mich ein wenig geöffnet, um einige Mittel der modernen Gesellschaft akzeptieren zu können. Ich kann in dieser Gesellschaft leben ohne mich die ganze Zeit beschweren zu müssen, da ich die Realität zu akzeptieren gelernt habe. Und im allgemeinen gibt es Hoffnung, denn auf all unseren Reisen haben wir immer mehr Menschen, die wir als gut angesehen haben als als böse. Das große Problem ist nur, dass „Gute Menschen“ nicht so sehr von Macht angezogen werden.